Wollmütze statt Narkose
Zehn Oberflächenelektroden, eingestrickt in eine weiche Mütze. Standardisiert platziert wie beim Menschen – frontal, zentral, parietal.
Eine kanadische Forschungsgruppe hat es geschafft, die Gehirnaktivität wacher Katzen nicht-invasiv zu messen – mit einer gestrickten Wollmütze voller Elektroden. Ein Meilenstein für die Katzenforschung.

Bisher war ein Blick ins Katzenhirn fast immer mit Narkose oder operativen Eingriffen verbunden – beides verfälscht aber genau das, was man eigentlich messen will: wie eine Katze Reize, Schmerz oder ihre Umwelt wirklich wahrnimmt.
Die Gruppe um Aliénor Delsart hat deshalb ein nicht-invasives EEG entwickelt: zehn vergoldete Elektroden, eingestrickt in eine eng anliegende Wollmütze. Die Frage: Lassen sich damit überhaupt sinnvolle Signale bei wachen, sich bewegenden Katzen messen?
Drei Bausteine machten das Setup überhaupt erst möglich:
Zehn Oberflächenelektroden, eingestrickt in eine weiche Mütze. Standardisiert platziert wie beim Menschen – frontal, zentral, parietal.
Vier 15-minütige Sitzungen mit ausschließlich positivem Verstärkungstraining. Kooperation gegen Belohnung – Stress so gering wie möglich.
Leichter Druck auf die Haut (4 N), Grapefruitöl in zwei Konzentrationen und farbiges Licht (blau, grün, rot) – in zufälliger Reihenfolge.
Eine besondere Herausforderung waren Bewegungsartefakte – Muskelzucken, Blinzeln, Kopfdrehen. Mit einer Methode namens Independent Component Analysis (ICA) wurden diese Störsignale rechnerisch von den eigentlichen Gehirnströmen getrennt.
Bei allen drei Reizarten ließen sich klare, reproduzierbare Hirnsignale ableiten:
Leichter Druck löste messbare Reaktionen aus – im Schnitt nach ca. 147 ms an der zentralen Elektrode. Frontale Bereiche reagierten besonders stark, was auf unterschiedliche Verarbeitungszentren für taktile Reize hindeutet.
Stärker konzentriertes Grapefruitöl führte zu schnelleren und doppelt so starken Hirnreaktionen. Das Gehirn priorisiert intensive Gerüche – nützlich für Orientierung und Umweltkontrolle.
Blaues Licht löste deutlich andere Aktivitätsmuster aus als grünes oder rotes – und zwar erst am zweiten Testtag. Ein Hinweis auf komplexere oder „lernabhängige" Verarbeitung.
Die Spektralanalyse zeigte typische Wellenmuster (Alpha, Beta, Gamma) – vergleichbar dem, was man aus der Humanforschung kennt. Das EEG ist also bei Katzen interpretierbar.
Erstmals lässt sich die Gehirnaktivität wacher, entspannter Katzen messen, ohne dass eine Narkose das Bild verfälscht. Damit wird sichtbar, wie Katzen tatsächlich wahrnehmen, lernen – und Schmerz verarbeiten.
Besonders relevant ist das für die Erforschung chronischer Schmerzen – etwa bei Osteoarthritis. Wenn sich Sensibilisierungsmuster im EEG zeigen, könnten Tierärzt:innen Schmerzen objektiver erkennen, statt nur indirekt über Verhalten zu schließen.
Trotzdem ist der methodische Durchbruch unbestritten – die Studie liefert die Blaupause für größere, vergleichende Folgeuntersuchungen.
Mit einer einfachen Wollmütze öffnet sich ein ganz neues Fenster ins Katzengehirn. Was lange undenkbar war – Gehirnaktivität messen, ohne die Katze zu betäuben – ist jetzt Realität. Für Tierwohl, Schmerzforschung und unser Verständnis der Katze ist das ein leiser, aber großer Schritt.
Im Magazin KATZE VERSTEHEN findest Du den ausführlichen Deep-Dive zur Studie – inklusive aller Messdetails, Hintergründe und Einordnung der Ergebnisse.
Zum Deep-Dive-Artikel →Delsart A. et al. (2024). Non-invasive electroencephalography in awake cats: Feasibility and application to sensory processing in chronic pain. Journal of Neuroscience Methods. DOI: 10.1016/j.jneumeth.2024.110254
Zur Originalstudie →